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Genug Selbstgefälligkeit!

Laurenz ist ein Obdachloser, den ich heute kennengelernt habe. Ich sah ihn beiläufig, er lag Mundharmonika spielend auf dem Boden. Ich setzte mich zu ihm und wir kamen ins Gespräch. Und ich fragte ihn, was passiert ist. So ungern Obdachlose drüber sprechen, die Geschichte zu hören ist das Mindeste, was ich tun kann. Genauer gesagt fragte ich ihn, wie es ihm ginge. 
Daraufhin erzählte er, seine Situation sei nicht so gut wie sie einst war.  Im Kopf dachte ich mir "offensichtlich". Nicht im herabwertenden Sinn, aber Obdachlosigkeit ist schwer. Gerade im Winter, trotz Notprogrammen. Aber jetzt HALTET EUCH BITTE GLEICH FEST ! Denn ich verspreche euch eines. Das,was er mir in dem Moment sagte, das war so viel stärker als ich jemals, ich gebe es zu. Ich habe großen Respekt vor den Worten gehabt. 

Laurenz sagte mir folgendes: "Mein Freund geht es nicht gut, er hat sich auf blöde Sachen eingelassen." 
Das Gespräch ging in die Richtung noch weiter, und der Rest ist hierfür nicht wichtig. Aber was für eine krasse, an die Substanz gehende Situation. Als ich dann weiterging, ging ich zu meinem alten Arbeitsplatz, einkaufen ging ich danach, erledigte Kleinigkeiten des Alltags und merkte nach und nach, dass ich es wahrlich gut habe, ja. Aber entscheidender noch. Ich war so beeindruckt von der Power, die hinter den Worten von Laurenz steckten. In seiner Situation war sein Gedanke davon belastet, seinem Freund zu helfen. Ich möchte das mal sacken lassen. Dort wo Leute sich wundern warum nur eine 1- und keine 1, wo Leute sich aufregen weil ein Like zu wenig oder das iPhone nicht genügend Speicher hat, haben wir jemanden, der alles verloren hat, und trotzdem erstmal an seinen Freund denkt. 

Ursprünglich wollte ich diesen Beitrag anders betiteln und anders nennen. Der Beitrag sollte davon handeln, welche Hindernisse wir uns selbst auferlegen und deshalb darauf verzichten, wir selbst zu sein. Es ging dabei aber um ein Sinnbild, nämlich das der Sterne:
Die Sterne am Himmel lassen sich in der Großstadt nicht so gut erkennen, weil die Städte zu stark beleuchtet sind. Ich wollte ursprünglich dieses Bild als Analogie benutzen für all die Dinge die verhindern, dass wir nicht wir selbst sein können. Und je mehr man über seine eigene Abhängigkeit nachdenkt, desto weniger muss ich dazu eigentlich sagen. Auf so vielen Ebenen auf noch viel mehr Arten gibt es Zwänge. Ich möchte den Punkt sogar noch zuspitzen. 
Wenn du zu der Gruppe Mensch gehörst, die die Synthetik der Welt verstanden hat, also nicht nur glaubst intelligent zu sein, sondern sie wirklich gesehen und verstanden hat, dann wird eine mögliche Konsequenz viel Trauer um die Erkenntnis sein. Selbst Gläubige müssen sich mit der Tatsache anfreunden, dass der Mensch einen bösen Kern hat, auch wenn er Gott in der Schöpfung nachempfunden ist. Das bedeutet insgesamt folgendes. Perfektion können wir nicht erreichen. Perfektion ist genau genommen kein relativer Begriff. Während ich hier eigentlich über ihn schreiben müsste, möchte ich mir die Freiheit nehmen vor allem die Konsequenz nahe zu legen. D.h.
Egal, an welchem Punkt im Leben wir wie viel Reichtum oder Glück haben werden. Perfektion werden wir nicht erreichen können. Nicht, weil der Moment für sich perfekt ist aufgrund seiner Unmöglichkeit, perfekt zu sein. Mir geht es hier tatsächlich um einen Punkt.
Stell dir mal für einen Moment exakt den Lebenspunkt vor an dem du vielleicht gerade bist, oder einen Punkt, an dem du mal warst und an dem du mal glaubtest, dir fehlt etwas, und du wusstest, was genau dir fehlt. Vielleicht machtest du dich davon abhängig, ein ganz bestimmtes Mädchen, oder einen ganz bestimmten Jungen kennen zu lernen, oder einen bestimmten Job zu haben, oder einfach nur etwas zu vergessen? Es geht hier darum, dass wir in dem Moment vermeintliche Perfektion erstreben wollten durch Faktoren, die wir mit unserem beschränkten Wissen über die Welt und uns zu verstehen glaubten. Noch einfacher. Als würde das Kind mit seinem Finger auf ein Spielzeug zeigen und glauben alles sei perfekt, sobald es das Spielzeug hat. 
Egal, wie oft man das nun hört oder gesagt bekommt. Veränderung ist die vermutlich einzige Konstante für Menschen. Es gibt Soziologen, die behaupten, der Mensch braucht Beständigkeit, um nicht verrückt zu werden. Aber wenn wir für einen Moment jede Veränderung akzeptieren könnten, egal ab wann das nun ginge, was würde das bedeuten? Es würde bedeuten, dass wir verstehen, dass Perfektion unmöglich ist, da Perfektion als Zustand so fragil und veränderbar ist, dass sie nicht erstrebenswert ist. Ganz recht. Perfektion ist nicht erstrebenswert. Wenn der Moment der Perfektion nicht wiederholbar ist, warum sollte ich einen Zustand erstreben, wenn er verdammt ist, nicht bewahrt zu bleiben? 
Sicherlich wird man jetzt fragen: Aber was ist mit Beziehung, oder Abschlüssen oder oder oder? 
Ja, Moment! Hier kommt nämlich der Punkt an dem ich klarer sagen muss, was ich mit Perfektion meine. Einen Zustand der Fehlerfreiheit. Es geht hier nicht um die umgangssprachliche Form,  sondern um einen Zustand, bei dem Fehlerfreiheit zur Regelmäßigkeit wird. Ich würde gerne weiter ausholen, aber ich bleibe an dieser Stelle besser an einem Beispiel und mache dann weiter im Thema. Der Musiker probt deshalb, um zwar beim Konzert fehlerfrei zu spielen, aber wie er davor und danach spielt, das ist nie komplett frei von Fehlern. Gleiches für Künstler beliebiger Art übrigens. 

Der Abschnitt ist zwar sehr lang geworden, aber es machte mir eine Sache sehr klar heute. Wenn ein Arzt im Operationssaal ein Leben rettet, während draußen vielleicht zehn sterben, muss ich die Frage stellen: Ist das gerettet Leben nun weniger wert, weil zehn gestorben sind? Es ist eine Frage, die ein Dilemma aufwirft. Das ist mir klar, keine Sorge. Vielleicht kennst du einen Menschen in deinem Umfeld der gerne mehr bewegen möchte, der aber nicht weiß wie und deshalb gar nicht erkennt, was er schon alles tut? Vielleicht bist ja sogar du selbst so eine Person? Das Wichtige am Arzt ist folgendes: Wer sagt mir, dass er auch nur einen einzigen Menschen der zehn gerettet hätte, oder hätte retten können, wenn er nicht an der OP teilgenommen hätte? Mir geht es nicht darum zu sagen, er hat sicher wen gerettet, nein. Es geht einfach nur darum zu sagen. Der Arzt tat in seiner Situation das denkbar beste, was er tun konnte. Man kann das sicherlich weiter spinnen. Aber um zurück zu kommen. Wenn man sich für das, was man vielleicht nicht erst schaffen kann, kaputt macht; wie will man dann die Dinge schaffen, die man schaffen kann? Es ist nobel und ehrwürdig ja, aber auch genauso dumm. Es bedeutet nicht, dass man keine hohen Ziele haben soll, aber vor allem heißt es, dass man alles dran setzen soll, zu schaffen, was man schaffen kann, wo man bewusst hinter steht! 
So wie der Arzt in seiner Rolle rettet, oder andere Helden des Alltags. Und bevor ich heute schon abschließe kommen wir zurück zum Anfang. 

Laurenz gab mir eine wichtige Frage mit, die er selbst nicht stellte. Und die Frage ist: Warum mache ich mich so fertig wegen dem, was nicht klappt? Ich habe alle Gründe aufzählen können und hoch und runter elaboriert und nachgedacht. Aber sind die Gründe eine Antwort auf die Frage? Machen wir es mal anders. Leider fällt es mir schwer eine Frage zu finden die unmittelbar auf jeden Leser hier zutrifft, aber ich werde daher eine Frage nehmen, die bei mir passt. Versucht in unserem Konstrukt von hier einfach eine Frage zu entwickeln, die etwas in euch tief sitzendes, wofür ihr eine überzeugende Ausrede habt, im Zaun hält. 
Meine Frage lautet: Warum mache ich mich so fertig wegen der Dinge, die nicht geklappt haben? 
Habt ihr auch eine Frage? Vielleicht es die Frage danach, warum du nicht 100% geben kannst, oder warum du etwas nicht zu verarbeiten schaffst? Wer weiß. 
Ich möchte, das jetzt jeder die Antworten in seinem Kopf durchgeht und sich wirklich Zeit damit lässt. Wenn du vielleicht sogar eine Stunde oder Tage brauchst, dann lass dir Zeit, lege dir die Antworten zurecht und dann ließ hier weiter. Ich mache hier einen Cut. Ich weiß meine Antworten.

Wenn du an dem Punkt bist, dass du nun weiterlesen kannst, dann wirst du vermutlich sehr viele Gründe haben, oder zumindest einen überzeugenden Grund. Hier kommt nun meine Frage an dich. Hast du wenigstens einen Grund, umzukehren von diesem Gedanken? Mal direkt an mich gestellt. Habe ich wenigstens einen einzigen Grund, nein zu dem fertig zu machen zu sagen? Hast du wenigstens einen Grund, 100 % zu geben? Irgendwas? Egal wie klein? Und hier möchte ich zum Spagat kommen. 
Laurenz hat täglich so viele Sorgen, dass er nicht weiß ob er schlafen kann bedacht, oder den hungernd durch den Tag muss. Und während einige nun Schuldgefühle kriegen möchte ich nur, dass wir die Dankbarkeit verstehen können, die sich hinter dem haben befindet. Der Wahrheit darüber, dass nichts selbstverständlich ist. Wenn jemand irgendwem vorwerfen möchte, Obdachlose seien selbst schuld, dann muss man mir bitte auch all diejenigen erklären, die gekündigt werden, die Existenzverluste erleiden, zumindest die. Und dann haben wir zumindest einige, denen man nicht Schuld zusprechen kann. Aber ich möchte weiter und sagen. Nein fragen. Weil das Leben nicht selbstverständlich ist, ja selbst unsere Geburt nicht(!), welchen Blick bedeutet das für unsere Taten und diejenigen Sachen, die uns hemmen zu handeln? Und wenn selbst ein Mann, der seines kompletten Guts beraubt wurde in der Situation noch an einen Freund denkt, dann muss ich fragen ob die Gründe, sich selbst aufzuhalten mehr Gewicht haben können wie ein Leben auf der Straße. Ich denke nicht. 

Im Gegensatz zum letzten Mal ist dieser Beitrag wesentlich kürzer und kompakter. Aber heute vor allem geht es um eine Inspiration, die ich teilen möchte. Es ist die beste Form, um über das zu sprechen, was um einen geschieht. Stellt euch diesen Beitrag wie den Beginn der Fragestellung vor. Ich werde nächstes Mal genauer auf die Antwort eingehen. Die Antwort auf die Probleme aller Welt, die wird euch umhauen. Ich für meinen Teil werde aufhören. Aufhören mit Zweifeln. Was wirst du tun? 

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